Über die seltsame Umbenennung des Erfurter Stadions
Warum „Steigerstadion“ der bessere Name gewesen wäre.
Das Erfurter Stadion wird 1931 fertiggestellt und trägt in den ersten Jahren den Namen Mitteldeutsche Kampfbahn, im Jahr 1948 wird es dann nach dem bulgarischen Kommunisten Georgij Dimitroff benannt und das wird sich bis 1991 nicht verändern. Doch nach der politischen Wende ist dieser Name nicht mehr gewünscht und auch nicht vermittelbar, denn Dimitroff hat mit der Stadt Erfurt nichts zu tun.
Irgendwann im Jahr 1991 erhält es seinen heutigen Namen Steigerwaldstadion, aber mich und mein ganzes Umfeld verwundert das damals sehr. Es dauert Jahre, den sperrigen neuen Namen flüssig auszusprechen. Denn die Erfurterinnen und Erfurter benutzen meistens die kürzere Form Steiger. Niemand sagte und sagt Steigerwald, wirklich niemand. Meine Oma, geboren 1920 und eine Erfurter Puffbohne mit großem Interesse an der Geschichte und Entwicklung ihrer Stadt, ist jedenfalls deutlich irritiert, als sie Anfang der 1990er Jahre vom neuen Namen hört.
Doch wie kommt es zu dieser seltsamen Namenswahl?
Dazu ist bei einem ersten Blick ins Internet nur sehr wenig zu finden. Immer wieder wird auf eine Befragung der Erfurter Bevölkerung hingewiesen. Doch wann immer ich jemanden in den letzten drei Jahrzehnten danach frage, niemand kann sich erinnern, in welcher Form und wann diese Befragung stattfand. Aber das kann sich doch niemand einfach nur ausgedacht haben, um ein demokratisches Mäntelchen darüber zu hängen – oder etwas doch?
Die Historikerneugier ist geweckt, nun heißt es: Herumfragen, Nachforschen, Zusammenhänge erkennen.
Eine Umfrage in der TA, aber der damalige Manager widerspricht
Die erste Anlaufstelle ist das Erfurter Stadtarchiv, denn hier liegt der Bestand aller Ausgaben der Thüringer Allgemeinen. Und tatsächlich, nach nicht allzu langer Suche stoße ich auf einen Beitrag vom 24. November 1990. Dort ist ein Interview mit dem damaligen Rot-Weiß-Manager Siegmar Menz zu lesen, in welchem er sagt:
„Dieses [das Stadion, d. Red.] soll übrigens demnächst einen anderen Namen erhalten. Alle Erfurter Fußballanhänger können ihre Vorschläge dafür dem Club unterbreiten.“
Voilà, es gab also doch eine Umfrage!
Sicherheitshalber frage ich bei Siegmar Menz nach. Doch völlig überraschend kann er sich überhaupt nicht an diese Aufforderung erinnern. Er verneint sogar die Zusammenarbeit mit der Stadt, auch sei er nie zur geplanten Umbenennung befragt worden. Das hat sich der Journalist wohl ausgedacht. Und was nun? Erinnert sich Menz einfach nur nicht oder bin ich einer großen Täuschung auf der Spur?
Bei Manfred Ruge klingt das ganz anders.
Wenn die Stadt Anfang der 1990er Jahre Straßen, Plätze und eben auch das Stadion in großer Zahl umbenannt hat, dann muss der damalige Oberbürgermeister Manfred Ruge etwas darüber wissen. Und auch er berichtet davon, dass es keinen Aufruf gibt – stattdessen eine Straßennamen-Kommission, in der alle Parteien des damals gewählten Stadtrats vertreten sind, und daneben noch eine Runde der Fraktionsvorsitzenden, die solche Fragen ebenso diskutieren. Welche Namen sind noch sinnvoll und welche nicht? Gibt es einen Bezug zu Erfurt oder eben keinen?
In der Runde ist man sich schnell einig, dass der ehemalige bulgarische Kommunist Dimitroff überhaupt keinen Bezug zu Erfurt besitzt. Und irgendwann, so Manfred Ruge, bringt jemand den Namen Steigerwaldstadion ins Spiel. Das bekommt dann eine Art Eigendynamik und zum Schluss sind alle davon überzeugt und unterstützen diesen Vorschlag. In der Folge gibt es einen einstimmigen Beschluss des Stadtrats zur Umbenennung des Stadions und anschließend wird es an den Verein weitergegeben. Soweit Manfred Ruges Version,bei der aber das entscheidende Puzzleteil, die Umfrage, ebenso nicht vorkommt. Aber die steht doch im November 1990 in der Zeitung, für alle lesbar! Wie kann das sein?
Und dann kommt Kurt Gaida um die Ecke!
Gibt es also tatsächlich keinen Aufruf, obwohl er doch in der Zeitung steht? Sehr seltsam. Und als ich schon denke, dass ich diesen Widerspruch nicht auflösen kann und überlege, wie ich daraus einen lesbaren Artikel verfasse, drückt mir Kurt Gaida einen Zettel in die Hand. Und auf dem stehen – teils kopiert, teils handschriftlich – drei, vier Daten aus der TA und damit einhergehende Überschriften und der Erkenntnisnebel lichtet sich zunehmend.
Also erneut ab ins Stadtarchiv und nochmal gezielter in der Tagespresse von 1990/1991 gesucht. Und siehe da, endlich werde ich fündig und schlauer!
Der wahre Ablauf der Umbenennung
Der Rat der Stadt Erfurt trifft im Januar 1991 einen Beschluss (16/91):
„Es wird eine Straßennamenkommission gebildet, in der sachlich und organisatorisch alle Fragen der Benennung von Straßen sowie die Namensgebung von öffentlichen Einrichtungen zusammenlaufen. […] Die von der Straßennamenkommission erarbeiteten Vorschläge werden im Kulturausschuss beraten. Vor der Bestätigung im Rat der Stadt werden die Vorschläge für vier Wochen im Informationszentrum Stadtentwicklung öffentlich ausgelegt und im Amtsblatt veröffentlicht. Nach Berücksichtigung der Vorschläge der Bevölkerung werden die Straßennamen durch den Kulturausschuss in den Rat zur Beschlussfassung eingereicht.“
Auf den bereits oben erwähnten, aber teils nicht mehr erinnerlichen Aufruf des FC Rot-Weiß vom November 1990 gibt es nur wenige Vorschläge. Und so wird im Februar 1991 in der Thüringer Allgemeine erneut dazu aufgerufen:
„Stadionname gesucht. Noch heißt die größte Erfurter Sportstätte Georgij-Dimitroff-Stadion. Doch die Tage für diese Bezeichnung sind gezählt. Schon zum ersten Rückrundenspiel des FC Rot-Weiß, am 2. März gegen den HFC Chemie, soll die Sportarena einen neuen Namen haben. Nach einer ersten Befragung durch den FC Rot-Weiß im Dezember zeichneten sich dafür einige Favoriten ab. Steigerstadion, Steigerwaldstadion, Stadion am Steigerwald, Thüringen-Stadion wurden genannt, aber auch der Vorkriegsname ‘MitteldeutscheKampfbahn’ fehlte nicht. Noch ist eine Entscheidung nicht gefallen. Wer noch Einfluss auf den neuen Namen nehmen möchte, der schreibt bitte an das Sportamt, Friedrich-Ebert-Straße 61, 5083 Erfurt.“
Doch in der Berichterstattung rundum das erste Heimspiel 1991 gegen den HFC wird dann in der TA weiterhin kein neuer Name verwendet. Die Entscheidung ist offensichtlich noch nicht gefallen, sodass es bis zum Saisonende nun ganz neutral Erfurter Stadion heißt.
Im Juni 1991 kommt dann Bewegung in die Sache. Nun endlich legt der Rat der Stadt Erfurt eine Beschlussvorlage vor, die auf die eingegangenen Vorschläge abzielt:
„Im Rahmen von 87 Zusendungen wurden 155 Namensvorschläge unterbreitet. Nach Zusammenfassung dieser Namensvorschläge ergaben sich 80 verschiedene Namen. Nur eine Zusendung sprach sich für die Beibehaltung des bisherigen Namens aus. Der Begriff 'Steiger’ bzw.‘Steigerwald’ kommt in insgesamt 34 Zusendungen vor.“
Und dann – ohne zu begründen, warum der Name Steigerstadion nicht favorisiert wird – empfiehlt die Straßennamenkommission in Verbindung mit dem Ausschuss dem Stadtrat, die Umbenennung des Stadions in Steigerwaldstadion vorzunehmen. Und so kommt es dann auch.
Beschluss zur Umbenennung am 19. Juni 1991:
„Das Stadion in Erfurt an der Arnstädter Straße, bisher nach Georgij Dimitroff benannt, wird in Steigerwaldstadion umbenannt. Die Umbenennung gilt ab 01. August 1991. […] Der Beschluss Nr. 36 vom 31.03.1950 der damaligen Stadtverordnetenversammlung sowie etwaige anderslautende Beschlüsse zur Benennung des Stadions werden außer Kraft gesetzt.“
Ich finde das weiterhin nur wenig nachvollziehbar und gehe ganz traditionell für einen schönen Waldspaziergang weiterhin in den Steiger.
Text: Dr. Michael Kummer
erschienen auch im 1966er, dem Magazin über den FC Rot-Weiß Erfurt, Rote Ausgabe 2025, hrsg. vom Fanrat Rot-Weiß Erfurt e.V.